Die erste Klausurphase rückt näher und ich kann mich gerade nicht mehr auf meine Vokabeln konzentrieren. Deshalb dachte ich, ich schreibe mal einen kurzen Beitrag über die Lernkultur in Korea.
Schon bei meiner Ankunft ist mir aufgefallen, dass vor Semesterbeginn einige Studenten in den Gebäuden an Tischen saßen und gelernt haben. Ich dachte, das Semester beginnt für reguläre Studenten vielleicht etwas früher. Oder die Semesterferien sind, wie bei uns an der TU Darmstadt, keine echten Ferien, sondern es stehen bis zum Beginn des Wintersemesters noch Klausuren an. Als ich mich ein wenig umgehört habe, wurde mir klar, dass es hier ganz üblich ist, auch zwischen den Semestern den Stoff der letzten Kurse zu wiederholen und sich schon Wochen vorher auf die kommenden Kurse vorzubereiten. Natürlich waren die Lernbereiche noch nicht brechend voll, aber so etwas habe ich zu Hause noch nicht gesehen.
Jetzt, drei Wochen vor den ersten Klausuren, ist die Bibliothek schon gut gefüllt, und auch andere Sitzecken auf dem Campus sind voller Studenten. Die meisten fangen bereits morgens an zu lernen und ziehen das bis mitten in die Nacht durch. Wenn gerade keine Kurse stattfinden, sitzen viele auf dem Campus und gehen die Bücher durch, die von den Professoren am Anfang des Semesters empfohlen wurden.
Bei uns sieht man das erst in der Klausurenphase, und nur die wenigsten machen ganze Nächte durch, um zu lernen. Hier habe ich dagegen schon mehrmals den Spruch „Skip the sleep and live your dream” gesehen. Schlaf wird hier nicht so ernst genommen. Dafür sieht man in den Kursen immer wieder Leute mitten am Tag einschlafen, und auf dem Campus liegen einige mit dem Kopf auf ihrer Laptop-Tastatur oder einem offenen Buch. Ich habe mir sagen lassen, dass manche sogar ab und zu ungewollt die Nacht in einem der Uni-Gebäude verbringen, weil sie eingeschlafen sind.
Alle Gebäude auf dem Campus sind übrigens 24/7 geöffnet (ja, auch die Bibliothek!). Ich finde, davon könnte sich unsere Uni mal eine Scheibe abschneiden! Im Wohnheim wird man allerdings nach 1 Uhr nachts aus den Gemeinschaftsräumen geworfen, wenn man nicht lernt, sondern Karten spielt oder quatscht. Nur Lernen ist hier rund um die Uhr erlaubt!
Mit dem Notensystem haben es die Koreaner aber auch schwer. Es ist anders aufgebaut als bei uns in Europa, sodass selbst bei voller Punktzahl nicht alle die gleiche Note bekommen können. Die Note hängt nämlich vom direkten Vergleich mit den Leistungen der Kommilitonen ab. Haben alle schlecht abgeschnitten, kann man auch mit einer geringen Punktzahl die beste Note bekommen. Schneiden dagegen alle gut ab, kann man selbst mit 98 von 100 Punkten nicht sicher mit einem A (einer 1) rechnen. Für uns Austauschstudenten wurde das System etwas gelockert. Durch Gespräche und Einblicke auf dem Campus kann ich aber langsam verstehen, warum die Leistungskultur hier so hochgehalten wird. Ich habe auch den Eindruck bekommen, dass viele deswegen Koreaner trotz der vielen Social Events nicht unbedingt Freunde in ihren Kursen oder ihrem eigenen Major haben (wollen). Wie kann auch man mit Menschen befreundet sein, gemeinsam lernen und etwas unternehmen, wenn man gleichzeitig um die besten Noten kämpft? Das ganze System baut auf einem Konkurrenzgedanken auf.
Ich persönlich bin wegen dieser ehrgeizigen Lernkultur mit der Erwartung nach Korea gekommen, ein wenig von diesem Spirit mit nach Hause nehmen zu können. In Deutschland schweift die Debatte über Work-Life-Balance in studentischen Kreisen manchmal zu sehr vom Leistungsgedanken ab. Durch die vielen Freiheiten fällt es vielen schwer, die Ziele zu erreichen, die sie sich zu Semesterbeginn gesetzt haben. Meiner Meinung nach haben wir es uns gedanklich zu gemütlich gemacht: Wir gehen davon aus, dass Wohlstand und Möglichkeiten mit einem Abschluss schon irgendwie bleiben oder sich sogar ausbauen lassen.
Das betrifft natürlich nicht alle Studierenden in Deutschland und Europa. Trotzdem habe ich selbst erlebt, dass ein Großteil unserer Generation die Privilegien, die der Staat und vielleicht auch unsere Eltern für uns geschaffen haben, als selbstverständlich hinnimmt, ebenso das hohe Bildungsniveau unseres Landes. Junge Menschen in Korea blicken aus einem anderen Blickwinkel auf die Welt, und ihre Eltern stecken oft ihr gesamtes Erspartes in die Bildung der Kinder. Innerhalb einer Generation hat sich das Land von kaum vorhandenen Ressourcen bis an die Weltspitze gearbeitet und beheimatet inzwischen weltbekannte Großunternehmen, die mit dem schnellen Wandel in den letzten zehn bis zwanzig Jahren besser mithalten konnten als die deutsche Industrie. Dass dieser Wohlstand keine Selbstverständlichkeit ist, hat die junge Generation hier vermutlich noch deutlicher vor Augen als wir (wobei es natürlich je nach Schicht und Familie große Unterschiede gibt).
